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Salzburg für Alle - Menschen schreiben Geschichten


Edition Tandem, ISBN 978-3-902932-32-7, 20,5x20.5 cm, 104 Seiten, € 15,--,
erhältlich im Buchhandel oder beim Verlag



Menschen in Salzburg unternehmen Ausflüge zu ihren Lieblingsplätzen in der Stadt und erzählen Geschichten aus ihrem Leben. Karl Mätzler hat sie dabei begleitet. Das Ergebnis ist eine fotografische Reportage über einen ungewöhnlichen Stadtrundgang.

„Es ist dieser Anspruch auf Heimatrecht, den Karl Mätzler in seinen eindringlichen Porträts Gesicht und Gestalt hat annehmen lassen.“ (aus dem Nachwort von Karl-Markus Gauß)




Rezension von Reinhard Kriechbaum im Drehpunktkultur: "Ruhe, Stille - Heimat"


Gedanken zum Titelbild von Ruth Mätzler vorgetragen anläßlich der Vernissage am 9.10.2014:

Es ist keine leichte Aufgabe, das Titelbild für ein Buch auszuwählen, noch dazu, wenn es sich um einen Fotoband handelt. Zahlreiche Aufnahmen gilt es zu sichten, politische Empfindlichkeiten abzuwägen und formale Gestaltungsprinzipien zu berücksichtigen. Schließlich gab es im vorliegenden Fall noch all diese beeindruckenden Gesichter, die Karl Mätzler in seinen Fotografien festgehalten hat. Welchem Portrait sollte er auf dem Cover des Buches den Vorzug geben?
Schließlich fand er eine salomonische Lösung. Er wählte nämlich keines der ausgestellten Portraitfotos aus, sondern entschied sich für eine eher „aussertourliche“ Salzburgansicht, die jedoch etwas auf den Punkt bringt, um das es in allen Fotos mehr oder weniger geht. So war zumindest mein erster Eindruck, den ich heute gerne mit Ihnen teilen möchte:
„My home is my castle“, fuhr es mir durch den Kopf, als ich die Trias aus Festung, Domkuppel und Wehrturm das erste mal auf Karl Mätzlers Computerbildschirm sah. Mein Zuhause ist meine Burg! Frappierend, wie die Turmspitzen alle hintereinander gestaffelt auf einer Linie liegen! Bei genauerer Betrachtung zählte ich nicht weniger als FÜNF Kirchtürme! Und obwohl ich nicht religiös bin, fielen mir Sätze aus einem Bibelpsalm dazu ein - genauer gesagt, aus dem Danklied des Königs für seine Rettung aus der Gewalt seiner Feinde:
„Herr, Du mein Fels, meine Burg, mein Retter...meine Feste, in der ich mich berge / mein Schild und sicheres Heil, meine Zuflucht.“
Salzburg, so sagte mir das Foto, ist Festung und Zufluchtsort in einem, wobei Heil und Unheil nahe beieinander liegen. Wie in einem Vexierbild, in dem der Betrachter über den ersten Augenschein hinaus mehrere Bildinhalte sehen kann, deren Bedeutungsebenen sich wechselseitig ausschließen, können wir in diesem Fall zweierlei sehen:
Entweder eine reiche Stadt, die sich mittellosen Menschen gegenüber wie eine abweisende Festung verhält und sie zu einem Leben in der Peripherie zwingt, oder aber wir sehen die, sagen wir einmal, unkonventionelle Inbesitznahme des alten Wehrturmes an einem der malerischsten Plätze Salzburgs durch Menschen ohne Geld,  aber mit Sinn für die Unvergleichlichkeit des Ortes. „My castle is my home“, und nicht umgekehrt. Dass im nahe gelegenen Kapuzinerkloster einmal am Tag ein  Gratisessen für Obdachlose ausgegeben wird, soll in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben.
Jeder Mensch in unserer Stadt hat das Recht, öffentliche Räume zu betreten, sich an ihrer Schönheit zu erfreuen und sie in den Erzählstoff seiner persönlichen Geschichte einzuweben, wie wir es in dieser Ausstellung anhand vieler Beispiele vor Augen geführt bekommen. Dass es jedoch manchmal nur eines Wimpernschlages bedarf, um die Perspektive zu wechseln, sodass aus „drinnen“ „draußen“ wird und aus „draussen“ „drinnen“, zeigt das Titelbild des Buches.
Im September 1911 schrieb Franz Kafka in sein Tagebuch über „das Versteckte in einem Vexierbild“, dass es gleichermaßen „deutlich und unsichtbar“ sei. Man würde „niemals etwas finden (...), wenn man nicht wüsste, dass es drin steckt.“ 
Ich freue mich sehr darauf, heute in der Ausstellung mit Ihnen gemeinsam zu finden, wonach wir vielleicht gar nicht gesucht hätten, wenn es die Besucher des Saftladens uns nicht gezeigt, Karl Mätzler es nicht fotografiert und Martin Schmidbauer es nicht aufgeschrieben hätte.
Zit.: Franz Kafka – Tagebücher, Hg. Hans Gerd Koch und Michael Müller, Fischer Verlag, Frankfurt 2008, S.46f